⚠️ Trigger Warnung! ⚠️
Emotionale Belastung, Trauma, Blutergüsse, Nacktheit
Der Wind riecht nach Salz und Veränderung
Diese Reise an die Ostsee ist mehr als Urlaub – sie ist ein Aufeinandertreffen mit alten Schatten, mit Erinnerungen, die unter meiner Haut liegen, und dem Drang, frei zu sein. Zwischen Licht und Dunkelheit, Körper und Meer, Ritual und Alltag suche ich nach Momenten, die bleiben dürfen.
Es geht um Berührungen von Wasser und Sand. Um das Loslassen alter Verbindungen. Um das Spüren von nackter Haut im kalten Ozean, um Freiheit inmitten von Schmerz. Und um das Licht – immer wieder das Licht.
Tag 1 – Rückkehr in alte Schatten
Wir starten unsere Reise in den Norden. Dabei machen wir einen Zwischenstopp im Osten Deutschlands. Für uns beide ist diese Rückkehr jedes Mal mit großer Anstrengung und Scham verbunden. Unsere Vergangenheit jagt uns genauso wie die Rückständigkeit der Menschen in dieser Gegend. Natürlich hätten wir genauso gut in Hannover absteigen können, aber irgendwie wollen wir das auch nicht.
Hier im Hotel nehme ich das erste Mal wieder die Kamera in die Hand und beschließe, dass mein kleines Fotothema für diese Reise “Licht” sein wird. Am Ende des Blogs findet ihr die Zusammenstellung aller Lichtfotos, die während der Reise zusammengekommen sind.
Die Fotos im kleinen Hotel-Badezimmer zeigen mir schonungslos, wie müde ich bin – und wie die Zeit an mir arbeitet. Das innere Bild, wie ich 2019 aussah, kann ich immer noch nicht so ganz loslassen. Gleichzeitig sind auf meinem Körper noch Blutergüsse des letzten BDSM Takeovers zu sehen, so als wäre alles noch wie früher.
Dieser Urlaub ist meine Hoffnung der Erschöpfung zu entgehen, die sich gerade schon wieder breit gemacht hat.
Tag 4 – Beine, Licht und Erinnerungen
Der erste richtige Urlaubstag. Ich komme von einem Sprung ins Meer zurück. Zerzaustes, noch nasses Haar, mein Strandhemdchen übergeworfen, die nackten Beine leuchtend hell. Als ich mich im Spiegel des Kleiderschrankes betrachte, finde ich mich richtig hübsch, so wie ich da auf der Bettkante sitze.
Meine Beine erinnern mich an ein Foto aus der Vergangenheit. Irgendwie sagt mir mein Gefühl, dass, so sehr sich mein Körper auch verändert, meine Beine immer noch genauso wirken wie dort. Vor meinem inneren Auge sehe ich nur noch meine Beine, leuchtend gegen den dunklen Hintergrund.
Das besagte Bild finde ich allerdings nicht in meinem kleinen Fotoarchiv. Es muss mir durch das “dies sind die wichtigsten Bilder”-Sieb gerutscht sein. Also wühle ich über 100 Seiten meines alten Tumblrs durch, bis ich es endlich finde.
Und oh – das Bild ist anders, als ich es in Erinnerung habe. Ich bin nicht allein darauf. Aber die Wirkung auf mich ist genau wie in meinem Kopf: irgendwie magisch in der körperlichen Präsenz, voller Kontrast und intensiv. Die Eleganz meiner Beine verzaubert mich immer noch. Wie schön.
Tag 5 – Das Handbuch über mich
Mein Spielpartner gibt mir die Aufgabe, ein Manual über mich zu erstellen. Ziel ist, mich besser zu verstehen, da es ihm nicht zufällt, Menschen zu lesen. Das Dokument soll eine umfassende Sammlung zu meinen BDSM-Vorlieben, Tabus und Bedürfnissen sein.
Ich finde das zuerst richtig doof, so möchte ich doch, dass meine Spielpartner:innen mich selbst erforschen und diese Dinge herausfinden. Irgendwie ist es, als würde ich hier die komplette Arbeit übernehmen, da es über den simplen Neigungsbogen weit hinausgeht. Aber was soll's? Eine Aufgabe ist eine Aufgabe und sich selbst besser kennenlernen kann ja auch nicht schaden. Auch schön, den jetzigen Stand mal festzuhalten und zu aktualisieren, sobald sich wieder etwas ändert. Somit habe ich im Urlaub eine Beschäftigung.
Nun sammle ich die nächsten Tage alles Mögliche: Meine gewünschte Dynamik als Sub, bevorzugte Ansprachen, Berührungen, libidinale Trigger und eine detaillierte Fetischliste. Außerdem zeige ich auch körperliche Einschränkungen, Caretaker-Bedürfnisse, Tabuzonen, konkrete Anleitungen zu Schmerzarten in Bezug auf meine Körperzonen auf und wie ich zu Elementen wie Feuer, Wasser oder Blut stehe. Zum Schluss schreibe ich noch über mögliche Beziehungs- und Spielkonstellationen mit mir.
Zwölf A4 Seiten mit 11 Punkt Schrift entstehen.
Während ich so vor mich hin sammle, überlege ich, dass es für diesen Spielpartner auch Sinn macht, noch mehr konkrete D/s Hintergründe zu haben. Wissen, das nicht zwischen den Zeilen gelesen oder in zig Büchern von heterosexuellen cis Männern aus den 80erm gesucht werden muss.
Deshalb ergänze ich Tipps zur D/s‑Praxis, Unterschiede im Mindset zwischen D/s und SM, Beispielaktionen, Dirty Talk und eine Analyse, warum Dark-Romance-Männer so faszinierend wirken. Nochmal acht A4-Seiten Inhalt.
Nun noch hoffen, dass es auch gelesen und damit gearbeitet wird.
Tag 6 – Klammern, Bisse und kleine Überraschungen
Wir verabreden uns mit Freundys für eine Abendsession. Heute gilt meine Lust Wäscheklammern auf den Schultern. 2012 entdeckte ich den Unterhaltungswert dieser kleinen Biester. Am liebsten kämpfe ich mich alleine aus den Klammern heraus, bis sie von meiner Haut ploppen. In meinem Archiv gibt es dazu dieses super süßes Video aus 2013. Enjoy!
Am Abend nach der Session erscheinen auf meiner Haut eine Reihe von Insektenstichen, kreisförmig angeordnet. Ich bin besorgt, da eine Recherche ergibt, dass mich alles gebissen haben kann: von Sandmücken bis Bettwanzen, einfach alles. Nun fühle ich mich im Bett des Apartments richtig unwohl und kontrolliere erstmal die Matratze. Aber natürlich finde ich nichts. Dieses Gefühl, von kleinen Krabbeltierchen befüßelt zu werden, wird mich den Rest des Urlaubs begleiten. Von den vielen Mückenstichen fange ich lieber gar nicht erst an.
Tag 7 – Zwischen Fenstern
Dieses Mal liegt meine Ferienwohnung eingezwängt zwischen zwei anderen Apartments. Die Platzierung der Häuser sorgt dafür, dass mich nur eine schlecht schallisolierte Fensterfront von den anderen trennt. Vor dem Wohnzimmer gackern Rentner:innen mit ihren Enkeln. Im Schlafzimmer sitzt eine sechsköpfige Familie stundenlang auf der Terrasse, kaum drei Meter neben mir. Die Kinder klopfen, klackern, streiten – die Eltern längst taub für die Geräuschkulisse. Wie viel Raum Familien einnehmen, spüre ich in diesem Urlaub immer wieder. So sehr ich diese Ferienanlage auch mag und die zwei Minuten zum Strand – die ganzen Menschen sind einfach schrecklich für mein Nervensystem.
Das einzige Fleckchen Ruhe finde ich eingequetscht zwischen den beiden Türen der Wohnräume. Dort, wo vor dem Badezimmer ein winziger Flur liegt. Schließe ich beide Türen, habe ich auf sechs Quadratmetern zumindest etwas Stille und könnte sie für mich nutzen. Im seichten Licht der Türspalten finde ich ein kleines Stück Ruhe und „Entlastung“.
Später: Um klarzumachen, dass sie nicht allein sind, gehen wir inzwischen jedes Mal durch die Hintertür über die Terrasse aus dem Haus. Ich bin erleichtert, als die Familie nebenan endlich abreist. Ein Tag Ruhe. Die nächsten Nachbarn haben Teenager, die sich schon beim Einzug lautstark weigern, auf der Terrasse zu frühstücken. Sofort sympathisch.
Tag 9 – Freiheit in Sand und Wasser
Ich erwache aus einem Traum, der mir meine offenen Wünsche noch einmal ganz nahe bringt. Doch anders als sonst erfüllt mich keine Traurigkeit. Dieses Mal sind es Freude und Aufgeregtheit. Wie sonderbar. „Ich bin also doch noch zu Glücksgefühlen fähig,” denke ich.
Es entsteht das Bild eines leuchtend goldgelben Vogels in meiner Brust, der aufgeregt in einem Käfig flattert. Ich kenne diesen Vogel schon seit Jahren. Bis zu diesem Zeitpunkt saß er dort meist in der Dunkelheit, mal ruhig, mal unruhig – aber nie so lebendig wie jetzt. Bisher war er flammenfarben.
Ich will ihn in einer Zeichnung festhalten, kommuniziere das und ziehe mich mit meiner Schüssel Müsli zurück. Irgendetwas sagt mir, dass „Golden“ von Jonathan Young der passende Song dazu wäre. Noch während ich die letzten Müslikrümel esse, laufen mir Tränen über die Wangen. Mein Körper will tanzen. Gedacht, getan.
Doch plötzlich verändert sich der Wunsch. Ich möchte an den Strand gehen und dort tanzen. Ich zögere kurz, ob ich das wirklich tun soll … Ausatmen … Ja. Also schnappe ich mir die Schuhe und gehe los.
Es ist noch vor acht Uhr, der Strand liegt fast menschenleer da. Nur ein paar Frühschwimmys und Hunde sind unterwegs. Ich wandere, bis ich eine gute Stelle finde. Wenig später tanze ich mit nackten Füßen im Sand.
Dann wächst der Drang, ins Wasser zu gehen. Kein Handtuch dabei … wird schon gehen. Schnell ausziehen und rein in die Wellen. Wie still es auf einmal ist, ohne Musik in den Ohren. Ich wünschte, unser Leben hätte ständig Hintergrundmusik. Hier hätte ich wirklich etwas gebraucht, denn Musik würde allem noch mehr Kraft geben.
Schritt für Schritt durchschneide ich das Wasser, bis ich bis zur Brust darin stehe. Nach dem ersten Eintauchen blicke ich in die endlose Weite. Ich fühle mich frei.
Zurück am Strand nehme ich mir das übergroße schwarze Shirt, trockne mich damit ab und ziehe es wieder an. Das klappt erstaunlich gut. Noch das Schlüppi an, mehr brauche ich gar nicht. Hose und Jacke lege ich mir über den Arm und trete den Rückweg an. Ein paar Fotos zur Erinnerung kann ich mir nicht verkneifen.
Die warme Dusche danach ist ein wundervoller Abschluss. Dieser Moment bleibt als „Freiheit“ in meinem Kopf verankert.
PS: Die Zeichnung des kleinen Vögelchens erstelle ich an diesem Morgen auch noch ❤️ Sie macht mich sehr glücklich.
Tag 11 – Zeitgefühl und Stillstand
Die Zeit vergeht langsam und gleichermaßen unglaublich schnell. Die Sekunden fühlen sich endlos an, die Tage vergehen jedoch wie im Flug.
Irgendwo dudelt die Melodie der Sendung mit der Maus im Hintergrund.
Tag 13 – Abschied, Trennung, Meer
Seit Tagen schiebe ich das geplante Ritual vor mir her, nur langsam läuft mir die Zeit davon, da der Urlaub zu Ende geht. Ich beschließe es heute zu tun, da ich eh wie gewohnt 5 Uhr wach werde. Mein Mann schläft noch, deshalb suche ich leise alle Sachen zusammen, nehme mir ein Handtuch und mache mich auf den Weg.
Ich weiß noch gar nicht, was ich für Musik hören möchte, daher muss die geliebte “Cry to all the Things” Playlist mit Shuffle herhalten. Beim Laufen skippe ich Songs, bis ich etwas Passendes gefunden habe. Dann lasse ich Spotify entscheiden. Im Gedächtnis geblieben ist mir “What could have been” von Jonathan Young und Cole Rolland als stärkster Song der Szene.
Aber worum sollte es bei diesem Ritual überhaupt gehen?
Um mein Körpergedächtnis. Ich versuche seit Jahren, einen Menschen aus meinem Körper zu kriegen. Mittlerweile bin ich alle Register durch: Briefe schreiben und nie abschicken, zig Zeichnungen machen, in denen ich alles zu Grabe trage, in der Therapie alles wieder und wieder besprechen, ein Symbol ins Wasser geben, per KI Gespräche führen und zig Szenarien durchspielen. Dinge tun, die ich mir in der Realität verbiete. Das tue ich nun seit bald 10 Jahren.
Doch in den Momenten, wo ich in BDSM-Szenarien falsch berührt werde, ploppt alles wieder auf. Alles, was mal gut war. Alles, wonach ich mich sehne. Es ist in meinem Körper verankert und verknüpft. Ich möchte das aber nicht mehr. Es hält mich auf und begrenzt mich.
Deshalb wollte ich ein letztes Ritual versuchen. Ein letztes Mal Abschied und Trennung mit Kraft.
Warum sollte dieses Ritual jetzt wirken, wo alle anderen bisher versagt haben?
Die Aufgabe war, einen oder mehrere Gegenstände auszuwählen, bei denen sich mir der Magen umdreht, wenn ich daran denke, sie nicht mehr zu haben. Ich sollte diese Dinge zerstören und sie dann mit Kraft von mir stoßen. Nicht einfach sanft ins Wasser geben. Ich sollte spüren, dass ich Macht über diese Gefühle habe. Uff.
Also setze ich mich in den kühlen Sand. Es ist eiskalt, windige 12 °C. Die Sonne geht gerade erst auf.
In einem kleinen schwarzen Tuch habe ich mein altes Halsband und meinen alten Blutanhänger mitgebracht. Gesichert habe ich das kleine Paket mit einem regenbogenfarbenen Schnürsenkel. In meinem Hals sitzt jetzt schon ein riesiger Klumpen.
Ich wickele das Bündel aus und lege die Gegenstände vor mich hin. Eine Weile starre ich sie nur an, bis ich beginnen kann. Für die Zerstörung des Glases habe ich mir eine Spitzzange mitgenommen. Die lege ich jedoch erstmal zur Seite. Für das Halsband habe ich nichts vorbereitet, weil ich dachte, das Leder bestimmt zerreißen zu können. Es ist schon grün angelaufen, brüchig und alt. Doch es weigert sich. Ich zerre mit aller Kraft und es dünnt nur etwas aus. Auch Drehen bringt nicht genug. Ich versuche es mit den Zähnen durchzunagen. Das funktioniert. Es dauert fünfzehn Minuten, dann ist nur noch ein kleines Stückchen übrig. Ich halte kurz inne und atme durch. Das wird jetzt real. Muskeln anspannen und durchreißen – dann habe ich mit einem Klimpern zwei Teile in den Händen. Schluchzen und hyperventilieren.
Ich beruhige mich etwas und entferne den Ring vom Rest. Dann gehe ich zu einer der in der Nähe wachsenden Pflanzen und beginne zu graben. Das Gefühl ist an den Fingern unangenehm, da der Sand vom Regen in der Nacht noch nass ist. Schließlich nehme ich das Halsband selbst und grabe damit. So komme ich wesentlich tiefer. Unter den Wurzeln der Pflanze lege ich das Halsband ab und verschließe das Loch.
Zurück an meinem Platz setze ich mich wieder. Der starke Wind hat den feinen Sand auf mein schwarzes Tüchlein geweht.
Atmen.
Atmen.
Die Zange setze ich zuerst auf dem dicksten Teil des Glases an, doch es ist zu stark, um zu zerbrechen. Aber die Stelle zwischen Verschluss und Glas…bricht sofort. Der Anhänger zerbricht in zwei Teile. Ich starre die zerbrochenen Gegenstände in meiner Hand an und schluchze.Es ist Zeit, mich davon zu trennen.
Ich treffe meine Entscheidung. Schnell werfe ich alle Kleidung ab und schließe die Hand zu einer Faust. Schritt für Schritt gehe ich auf den Ozean zu. Der Wind peitscht, und es ist bitterkalt. Die Wellen wogen aufgeregt umher. Irgendwie passend, wie eisig das Wasser ist und mit welcher Wucht mir alles entgegenschlägt.
Ich laufe weiter vorwärts über die Sandbank, bis mir das Wasser über die Schultern ragt. Kurz innehalten, Worte wählen. Ich formuliere etwas über meinen Wunsch nach Freiheit und darüber, dass ich diesen Bund jetzt löse. Ich möchte nur noch mir selbst und dem Meer gehören.
Dann fliegen die Anhänger in hohem Bogen hinaus ins Meer. Ein paar hektische Atemzüge noch, dann tauche ich unter und lasse mich vollständig vom Wasser umschließen.
Ich bleibe noch eine Weile, tauche immer wieder auf und unter, bis ich mich dem Strand wieder nähere. Im seichten Wasser verharre ich kurz, bis mich die Wellen förmlich hinaustreiben. Mit einem gelachten „Ich geh ja schon“ verabschiede ich mich.
Jetzt erst kommt die Sonne durch die Wolken. War ja klar.
Am Strandaufgang bekomme ich dann die ersten warmen Strahlen des Tages ab.
Als mir beim Mittagessen bewusst wird, dass diese zwei Dinge aus meiner Schatzkiste nun für immer weg sind, drifte ich in Gedanken weit ab. Die Tasse Milch in meiner Hand entgleitet mir, und die Flüssigkeit ergießt sich über Tisch, Stuhl, Boden – und natürlich über mich. Ich bin ganz perplex.
Zusammen mit meinen Schuhen, dem Bezug des Sofakissens und meinem Slip geht es nun wieder unter die Dusche. Ich lasse die Duschtür offen, was sich kurz darauf rächt: Der Duschkopf rutscht mir aus der Hand und spritzt erstmal die Toilette und den Boden darunter nass. Ich schmunzle. Das war wohl doch viel heute. Ich ruhe mich besser aus.
Letzte Gedanken am Meer
Es hat bis zur zweiten Woche gedauert, bis ich überhaupt runtergefahren bin. Ich habe von dieser Reise viel weggelassen, da ich lieber nur die in diesem Blog erwähnten Dinge in Erinnerung behalten möchte. Vor allem mich, in allen Emotionen nackt am Strand. Ich – frei.
So verabschiede ich mich am letzten Abend nochmal vom Meer. Der Himmel sieht aus, als wäre ich in einem Videospiel und die Texturen würden nicht laden. Ich springe wieder nackt ins Meer, egal wie kalt es gerade ist. Ich möchte mich verabschieden.
Die Rückreise – Vergänglichkeit
Es ist dieses Jahr leichter zu gehen, als im Jahr zuvor, wo mich die Übelkeit fast zerschmettert hat. Ich gebe sowohl dem Meer, das ich gebeten hatte, mir Kraft für den Tag mitzugeben, als auch dem Arzneitee ganz viel Credit dafür.
Wir haben wieder das gleiche Hotel wie auf der Hinreise, eine Unbekannte weniger.
Zum Glück haben wir uns entschieden, die lebende Verwandtschaft auf dieser Reise nicht aufzusuchen, sondern den Toten ein paar Momente zu spenden. So fahren wir zuerst in das kleine anhaltinische Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Auf dem Friedhof finde ich jedoch keine Gräber. Sowohl mein Stiefvater als auch mein Großvater wurden hier beerdigt, doch da war nichts mehr. Sie waren einfach weg. Oh, das war seltsam. Als hätte es sie nie gegeben.
Ich ärgerte mich: Da habe ich nach 20 Jahren doch mal den Entschluss gefasst, das Grab zu besuchen und damit zu sprechen, und dann ist es einfach weg. Ich setze mich kurz in den Schatten, bleibe aber nicht lange. Zu komisch das Ganze. Im Auto weine ich etwas, während mein Mann zum Grab seine Großvaters weiterfährt. Das ist zumindest noch da.
Mir wird klar, wie unbedeutend unsere Leben doch sind. Diese zwei Personen sind einfach weg, als hätte es sie nie gegeben. Und doch gibt es sicher unzählige andere Menschen mit Erinnerungen an sie, die erst mit diesen aussterben werden.
Also lasse ich meinen Groll ruhen.
Zurück im Alltag, zurück im Kampf
Zwei Tage später fühle ich mich schon so, als wäre ich nie im Urlaub gewesen. Ich beschäftige mich mit nachträglichem Ehevertrag, General- und-Vorsorgevollmacht, sowie meiner Patientenverfügung. Harter Tobak für den offiziellen letzten Urlaubstag.
So schnell ist alles wieder vergessen. Ich wünsche mir wirklich dieses “führe ein Leben, von dem du keinen Urlaub brauchst”. Ich halte das, jedenfalls bezogen auf mein Nervensystem, für absolut nicht umsetzbar.
Darum entlasse ich euch aus diesem Blog weniger positiv, als das letzte Mal.
Aber ich kämpfe weiter.






























